Teil 2 Ploetzlich sah ich etwas. Einen kleinen hellen Punkt, mitten in dieser schwarzen Finsternis. Sofort erhob ich meinen Koerper und lief drauf zu. War mir wurscht ob ich nun doch auf einen Abgrund zulief oder nicht. Schliesslich war ich ja schon tot, was sollte mir also noch Schlimmeres passieren? Je naeher ich diesem hellen Punkt kam, um so groesser wurde er. Immer groesser und groesser. Bald war's auch kein Punkt mehr, sondern ein riesiges Tor. Als ich ankam, schaetzte ich die Groesse des Tors auf wenigstens zwanzig Meter in der Hoehe und zehn Meter Breite. Gingen hier Riesen ein und aus, oder wollte nur jemand rumprotzen? Das Tor war goldfarben und mit kunstvollen schachbrettartigen Ornamenten besetzt, wie sie nur in grosskapitalistischen Kirchen zu finden sind. Kleine Englein mit Trompeten im Mund und geweiteten Fluegeln die links und rechts vom Tor als Staturen standen und eine Art Pfoertner darstellten, gaben dem Ganzen etwas "Goettliches". Aha, dachte ich. Das hier ist also der Eingang ins Paradies. Na, von Hinweisschildern haben die hier aber auch noch nichts gehoert. Kann man sich ja einen Wolf suchen. Na egal, hab's gefunden und kann gleich ins Paradies, muss nur die Klinke runterdruecken. Tuer auf und rein....Ja, bitte, und wo war an diesem Tor eine Klinke? Ich suchte wie ein Bloeder, aber nischt war zu finden. So langsam verlor ich die Geduld. Nicht mal eine Klingel gab`s hier. Also gut, also gut, dann werde ich eben klopfen. Ich klopfte. Ich klopfte noch mal. Ich wartete. Dann klopfte ich wieder - und wartete. Nach einer Wartezeit von zehn Jahren, trommelte ich wie ein Verrueckter mit Haenden und Fuessen gegen das Tor - aber niemand oeffnete. Zum Teufel, wie soll ich hier reinkommen? Irgend wann entdeckte ich einen kleinen, scheckkarten grossen Schlitz unter dem Lendenschutz eines der Trompete blasenden Engel. Darunter, direkt auf den Knien befestigt, stand auf einem Schild in 500 tote und lebende Sprachen: "Bitte Keycard einfuehren. Bei Ertoenen des Summtons, Tor aufdruecken, Hosiana!" "Was fuer eine Scheisse ist jetzt das?" rief ich laut. "Wo soll ich denn eine Keycard herbekommen? Ist das hier ein Videogame? Scheiss Grafik! Lauter Bekloppte, sogar im Himmel." Man, war ich auf Brast und fluchte vor mich ungoettlich hin. " Na, na, wer wird denn so boese Worte sagen?" hoerte ich mit einem Male jemanden sprechen. "Gott?" fragte ich erschrocken und blickte mich um, sah nach links, rechts, oben und unten. Konnte aber niemanden sehen. "Gott? Nein, den findest du nur hinter diesem Tor, aber bestimmt nicht davor. Das hier ist Niemandsland!" antwortete die Stimme, die sehr tief klang. "Wer ist da?" stellte ich meine Frage erneut. Dann tauchte aus dem Dunkel lautlos ein Mann auf und kam seitlich auf mich zu. "Erkennste mich nicht mehr? Ich bin's, Groby. Lange her, was?" Ich musste zweimal hinsehen, tatsaechlich, er war's. "Mann, Junge. Ohne deine Pickel im Gesicht haette ich dich fast nicht mehr wiedererkannt." Groby schwieg und blickte verschaemt zum Boden. Das tat er immer wenn ihm was unangenehm war. Wie damals, als alle User aus dem T-Netz/Jokes ihm wegen seiner langen Haare fuer ein Maedchen hielten. Eine Zeitlang lief er deswegen nur noch mit gesengtem Haupt herum. Wir hatten schon Angst, dass er irgend wann eine Genickstarre kriegen wuerde. Das aenderte sich aber, als Groby seinen ersten Buestenhalter bekam! "Ja, die habe ich nicht mehr. Hier hat niemand irgend welche Gebrechen. Also nerv mich nicht mit meinen Pickeln", tobte er. Kratzte sich aber mit den Fingernaegeln im Gesicht, als wuerde ihm etwas jucken... "Aber diesen Buestenhalter haste doch wohl noch, oder?" frotzelte ich. "Schnauze, Zombie!" Kratz, kratz, kratz. Oops, aergern wollte ich ihn ja nun nicht, also schwieg ich lieber. Groby hiess nicht umsonst Groby! Dem Letzten, dem er eine mit seinen Faeusten einschenkte, musste der ganze Oberkiefer geschiehnt werden. Dann sagte er laechelnd: "Wie ich sehe kommst du nicht durchs Tor. Warum benutzt du nicht deine Keycard?" "Na, woher denn? Ich meine, mir hat niemand eine gegeben!" "Aha, du bist also ein Illegaler", sagte er belustigt. "Ein bitte was?" "Ein Illegaler. Einer, der sich selber umgebracht hat. Weisst du, diese Typen kommen hier naemlich nicht rein, sondern muessen eigentlich eine Etage tiefer." Er deutete mit dem Finger nach unten. "Zu dem mit den beiden Hoernern auf dem Kopf?" "Genau", bestaetigte Groby. "Nun, ich gebe ja zu, dass ich diesen Plan hatte - ich meine mich selbst abzumurksen...aber ein Laster hat mich ueberrollt." "Tja, Irrtum. Der Laster mag dich ueberrollt haben, aber du bist davor schon gestorben. Eine Sekunde bevor das Rad deinen Kopf zermalmte." "Woher willst du denn das wissen?" fragte ich schon fast boese. "Nun rege dich nicht auf. Erstens haste keine Keycard - und die kriegt hier jeder der normal verreckt. Zweitens gibt's hier keine Geheimnisse. Und drittens: Ich kann dir ja helfen", meinte Groby und grinste. "Du meinst, du kannst mich da reinbringen? Da ins Paradies?" Ich zeigte auf das Tor. "Klaro." Dann holte er aus einem Saeckchen eine Handvoll Plastikkarten und gab mir eine. "Hier, damit kommstïe rein!" "Sach mal, wo hastïn die her?" fragte ich und nahm mir eine Karte. "Pssst..ich deale damit. Hier kommen immer wieder kaputte Typen ohne Keycard", fluesterte er hinter vorgehaltener Hand und blickte sich gleichzeitig umher, um zu pruefen, ob einer zuhoerte. "Was kriegst`n dafuer?" fluesterte ich zurueck. "Hm..das was du entbehren kannst." Groby hielt mir seine Hand erwartungsvoll entgegen. "Ich habe aber nichts dabei...", sagte ich traurig. "Mir schon klar. Bis jetzt habe ich noch nie jemanden getroffen, der was bei sich hatte." Groby wirkte enttaeuscht, zuckte mit den Schultern und liess seinen Sack mit den Plastikkarten wieder verschwinden, einfach so! "Also Zombie, dann mach's mal gut, wir sehen uns sicher noch - auf der anderen Seite. Ich muss los. Gleich kommt eine Gruppe von den Zeugen Jehovas. Haben alle Selbstmord begangen. Die werden jede Menge Karten brauchen." Er drehte sich um, winkte mir noch mal zu, lief ins Schwarze und verschwand. Na, das ist vielleicht ein Typ. Aber so war er schon immer. Als Kind hatte er im Kindergarten mit Legosteinen gedealt und in der Schule mit Pornoheften. Ich erinnere mich, als er auf der Oberstufe einem heterosexuellem Bodybuilder ein Schwulenporno andrehte. Aua, hat er da Dresche bezogen als der Body merkte, was er da gekauft hatte. Wirklich, echt fertig dieser Groby! So, nun aber die Karte in den Schlitz gesteckt und rein ins Paradies. _Zombie im Paradies_ Kaum hatte ich die Karte drin, ging wie erwartet das Tor auf. Halejulia und Hosiana; Mann, bot sich mir da ein geiles Bild: Strahlend blauer Himmel mit tollen weissen, sauberen Wolken. Ueberall standen praechtige Baeume, an denen Fruechte hingen. Und ein grosser See mit kuehlem und klarem Wasser, machten all das hier wahrlich zu einem Paradies. Es gab kleine Wege, und saftiges, gruenes Gras wofuer so manche Kuh ihren Euter geben wuerde. Im Gras lagen Frauen und Maenner und schienen sich zu amuesieren. Sie lachten, sangen, tobten herum, spielten, freuten sich - und waren nackt. Man, so viele nackte Titten hatte ich mein Lebtag noch nicht gesehen. Einige von ihnen machten ungeniert Liebe und bumsten wie Karnickel. Wahrlich, das reinste Paradies. Kaum war ich durchs Tor, schloss dieses sich auch wieder langsam und leise zuklappend. Und ploetzlich war auch ich nackt und mein kleiner "Zombie" baumelte im warmen Winde, wie das Pendel einer Wanduhr. Mir wurde richtig anders und ich hatte Angst wegen der vielen nackten Frauen eine gewisse Erregung zu bekommen (vor allem, wenn man feststellt, dass es hier nur junge Menschen gibt, das heisst, hier altert niemand) Aber es passierte nichts, ich hielt mich unter Kontrolle und mein kleiner "Zombie" blieb lasch! Etwas schuechtern lief ich auf die vielen gluecklichen Menschen zu, um mich ihnen anzuschliessen. Gerade als ich mich vorstellen wollte, sah ich wenige Meter weiter unter einer grossen Eiche, einen Mann liegen, der mir bekannt vorkam. "Detac", rief ich freudig und lief auf ihn zu. "Zombie?" fragte er, erkannte mich und sprang auf. "Biste endlich auch abgekratzt?" Gluecklich uns wiedergetroffen zu haben, umarmten wir uns und setzten uns ins warme Gras. "Wie man sieht, geht's dir gut. Ich freue mich, dass du nicht in der Hoelle gelandet bist." Ich laechelte und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. "Alle die du kennst sind hier: Mario, Melanie, Akira, M.Boutsen, McGyver und B.Heinlein, Forgecor, Sebastian, Phillip, Jan Friedrich, Hawk, Step5, Mr Return, Peter Becker, Dr.Venkman und viele mehr", sagte er und dann schien er nachdenklich und schaute ploetzlich etwas traurig. "Und wo ist Shaver?" fragte ich und hatte mit dieser Frage ein Pfeil in sein Herz geschossen, der sich tief einbohrte. "Shaver ist die Einzige, die es nicht geschafft hat. Sie ist bei 'ihm'." "Bei wem?" "Na, in der Hoelle!" "Oh, das tut mir aber leid fuer dich!" Tat es mir wirklich, denn wer will schon einen Freund leiden sehen? OK, ich habe gelogen, ich sehe meine Freunde gerne leiden.... "Ach, ist schon in Ordnung", beruhigte er mich. "Ich habe das kommen sehen. Ihr ganzes Leben war voller Suende, dann der viele Alkohol, die Siebenhundert Liebhaber bis zu ihrem dreizehnten Geburtstag - sowas raecht sich spaeter mal - wie man sieht." "Und was macht sie jetzt?" Ich zeigte Interesse, aber in Wirklichkeit war mir Shaver egal. Ich hatte sie nie gemocht und bin ihr im Leben immer aus dem Weg gegangen. Vielleicht warïs ihre Art die ich nicht mochte, viellleicht auch die Tatsache, dass Detac mehr Zeit mit ihr verbrachte, als mit mir. Man koennte mir jetzt so was wie Eifersucht vorwerfen, aber ich mochte diesen zappligen Kerl seit ich ihn kenne und teilte ihn ungern mit jemanden. Es war seine ganze Art, sein Humor und sein fachliches Wissen wenn es um Computer ging. Ich kannte keinen, der so gut mit Rechnern umgehen konnte wie Detac. Und nicht nur Rechner, ich glaube es gibt wohl nichts, was er nicht reparieren oder bedienen koennte. Eine Besonderheit von ihm war sein selbstverfasstes "Rescue-My-Tools"-Buch. Darin schrieb er mit der Regelmaessigkeit einer ablaufenden Sanduhr, seine technischen Erfahrungen, die er mit allem machte, was mit Benzin, Strom und Mechanik zu tun hatte. Ohne dieses Buch verliess er nie die Wohnung; ich glaube, er schlief auch mit diesem Buch. "Na, sie zaehlt Teufelsschwaenze und muss sie pflegen." "Aha. Dachte ich mir fast!" Ein lautes Lachen konnte ich mir nicht verkenifen. "Mensch Zombie, nicht was du wieder denkst. Nein, sie muss die langen feuerroten Schwaenze buersten und reinigen, die den Daemonen in der Hoelle am Hintern haengen." "Natuerlich, habe nichts anderes erwartet." Ich musste erneut laut lachen. "Ach, du bist doof", sagte Detac und schuettelte seinen Kopf enttaeuscht ueber mich, weil er wohl mehr Verstaendnis fuer Shaver von mir erwartet hatte. "Ja, und das werde ich auch nicht aendern..." Ich verschluckte mir einen weiteren Lachausbruch. "Aber sag mal, wie lange muss sie denn da bleiben?" "So lange, bis jemand, der sie absolut nicht leiden kann, sich ihrer erbarmt und fuer sie betet", antwortete Detac und sah mich erwartungsvoll an. "Stop, Kumpel, erwarte da nischt von mir, ich bin verhindert. Habe schon mit mir selber zu tun", rasselte ich die Antwort wie einstudiert runter. "Ja, die anderen Fuenfhundert, die sie kennen, haben in etwa das selbe gesagt", jammerte er und tat sich selber leid. "Warum betest du nicht fuer sie? Ich meine, du bist doch ihr Obermacker." "Darf nicht. Familienbuhlerei ist hier verboten", grunzte er und schaute traurig auf seinen kleinen "Detac", der den "Haupteingang" seiner Shaver vermisste - was man ja auch verstehen kann. "Nun schau doch nicht so traurig, hier gibt's doch genug Frauen!" "Geht hier nicht. Hier darf nur bumsen, wer eine eigene Frau hat." Dann schaute Detac mich mitleidig an. Ja, ich weiss, da ich es ja immer vorzog mein Leben alleine zu fuehren, wuerde ich es hier genauso fortsetzen duerfen. Oh Mann, und ich dachte das sei hier das Paradies, Garten Eden. Klingt aber eher nach dem Gegenteil...grumpf. "Warste eigentlich schon beim Chef?" fragte Detac. "Welchen Chef?" "Na, Gott. Noch nie was von gehoert, was?" Detac schuettelte schon wieder seinen Kopf wegen meiner Unwissenheit. "Ach der! Noeoeoe, muss ich da hin?" "Ja, jeder..Er weist dir deine Aufgaben zu." "Was fuer Aufgaben?" fragte ich. "Och, nicht viel. Nur wie oft du beten musst, was du essen darfst, wann du essen darfst und wie du dich zu benehmen hast." "Hm...und wo finde ich Gott?" Eigentlich wollte ich das gar nicht wissen, weil mich mein schlechtes Gewissen wegen der erschummelten Keycard plagte. "Geh einfach da hinten den Huegel rauf und dann biegst du rechts an der dritten Buche, zweite links ab. Dahinter steht eine alte Blockhuette, da wohnt er", erklaerte er mir den Weg. "Na, dann werde ich mich mal auf den Weg machen. Wir sehen uns dann noch." "Keine Frage, Zombie. Hier trifft man sich immer wieder." Ich marschierte los, entlang auf den Weg den mir Detac beschrieb. Natuerlich benutzte ich die Gelegenheit, mir die Umgebung und Leute genauer zu betrachten. Schliesslich hat man ja hier viel Zeit. Falls ich es noch nicht erwaehnte, hier wird nicht nur viel gevoegelt, hier gibt's auch viele Voegel. Voegel in allen Farben, Formen, und Groessen. Ueberall standen sie rum, assen Wuermer, kackten den Rasen voll, pickten Loecher in die Baeume oder flatterten durch die Luft. Schade, dachte ich, dass ich kein Gift bei mir hatte...Vogeltot...schoenster Tod! Natuerlich gab`s hier auch andere Tiere. Ist ja auch klar. Aber ich glaube nicht, dass ich hier ueber die Tierwelt des Himmels schreiben muss. Wer interessiert sich schon dafuer? Niemand? Dachte ich mir! Ende Teil 2