[Nachrichtenzahl][OffTopic/Spam][Lesbarkeit]
Dies ist ein wichtiges Thema. Der heutige Mensch wird vom Stress verschlungen. Abends, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt, möchte er nur noch abschalten, ausspannen, sich erholen.
Wenn sein Hobby nun Nachrichtennetze sind, dann ergeben sich für ihn einige Probleme: Wie kann er schnell die Nachrichten finden, die für ihn wichtig sind? In welchen steht überhaupt etwas Wichtiges drin? Welche sind an ihn gerichtet, behandeln 'sein' Thema?
In diesem Punkt gibt es grosse Unterschiede zwischen den beiden Netzen. Das Internet hat mehrere Millionen Mitglieder, das FidoNet weltweit "nur" einige Zehntausend. Das spiegelt sich natürlich direkt in der Nachrichtenzahl in den Gruppen / Echos wider. Denn ganz klar: Wo mehr Leute sind, schreiben und lesen mehr Leute.
Dies kann Vorteil und Nachteil zugleich sein. Im Grunde kommt es auf den Leser an, was er bevorzugt.
Im Usenet gibt es viele Gruppen, in denen täglich etwa 100 Nachrichten eintrudeln. Viele davon sind off-topic (s.u.) oder enthalten einfach nur Dinge, die gar nicht interessieren. Der Leser muss sich nun herauspicken, was für ihn wichtig ist. Keine leichte Aufgabe. Entweder, er schaut sich alle Mails kurz an oder überfliegt nur die Betreffs und trifft für sich eine Auswahl - mit dem Risiko natürlich, wichtige Mails zu übersehen.
Im Fido sieht die Sache anders aus. In den sog. High-Traffic-Echos kommen pro Tag vielleicht 20-60 Nachrichten durch. In vielen anderen Echos sind es nur 5-20 oder noch weniger. Dies hat den Vorteil, dass man sich schnell an einer Diskussion beteiligen kann, ohne den Überblick zu verlieren. Man kann wirklich alle Mails durchlesen und sich Zeit für eine umfassende Antwort lassen. "Qualität statt Quantität" könnte man vielleicht sagen.
Allerdings hat eine kleinere Leserschaft auch Nachteile. Zum Beispiel, wenn man ein Problem hat, das nur schwer zu lösen ist. Je mehr Leser, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Antwort kennt.
Die Probleme mit Spam und Werbung wurden ja schon in dem anderen Artikel beschrieben. Es sei hier nur noch einmal kurz erwähnt, da Spam natürlich auch off-topic ist. Off-Topic bedeutet "nicht zum Thema des Echos / der Gruppe passend".
Ich liebe anschauliche Beispiele. Deshalb soll hier eines folgen.
In der Usenet-Gruppe de.alt.ufo kommen seit einiger Zeit pro Tag mindestens 100 Nachrichten durch. Manchmal sogar 200. "Schön", könnte man sagen. So viel zum lesen über das Unbekannte, über die UFOs, über Aliens & Co.
Lesen wir mal rein:
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977 25.02 Cmdr.
Kruge
Re: Todeszug Bruehl: Ein Anschlag
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Etcetera. Das waren noch nicht mal alle Nachrichten dieses Tages.
Es fällt sicherlich gleich auf: "Todeszug Bruehl: Ein Anschlag". Ist das ein on-topic-Thema? Geht es hier um UFOs? Vielleicht ein wenig um Verschwörungen, aber um UFOs, um Aliens? Nein.
Noch ein grosses Thema: "Kann ein Punkt rotieren?". Solche Dinge, die aus Verständnisschwierigkeiten einiger Personen entstehen, tauchen immer wieder auf, in allen möglichen Echos und Gruppen, und ziehen riesige Threads hinter sich her. Doch hat es was mit UFOs zu tun? Vielleicht weil UFOs auch rotieren? Nein. Nichts.
Also kürzen wir diese Themen mal weg.
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9931 24.02 Michael
Bertschik Re: UFOs
(was: Element 115)
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Schon weniger.
Ist der Rest davon jetzt zumindest "on-topic"? Machen wir die Probe.
Die ersten beiden von Michael Bertschik haben was mit dem Thema zu
tun. Gut. Die nächste von Michael Coslar sieht so aus:
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Empfaenger : /de/alt/ufo
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Thema? Wo?
Oder eine andere Nachricht:
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Empfaenger : /de/alt/ufo
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Viel Quote, grösserer Footer als Nachricht, null Aussage...
Thema? Wo?
"Does moan i" mit eingeschränkter Übersicht :-)
Kürzen wir weiter und lassen wirklich nur noch on-topic-Mails
stehen:
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9931 24.02 Michael
Bertschik Re: UFOs
(was: Element 115)
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Lustig, hmm?
Von den obigen 75 Mails blieben noch 8 übrig. Das macht einen "Mist-Anteil" von etwa 90 Prozent.
Ich gebe zu, dass dieses Beispiel extrem ist. Das Thema "UFOs" zieht einfach viele Menschen an, die völlig unwissenschaftlichen "Mist" schreiben und sich über andere lustig machen, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen.
Deshalb sieht es in den fachlichen Newsgroups (in denen z.B. viele Studenten schreiben) auch weit besser aus.
Aber obiges Beispiel zeigt ganz deutlich, wie das Off-Topic ausarten kann, ohne dass jemand dagegen einschreiten kann. Im Fido wäre der Moderator des Echos mal hingegangen und hätte geschrieben "Bitte macht jetzt Schluss mit der Todeszug-Diskussion, das ist off-topic". Das funktioniert.
Hätte im Usenet jemand einen derartigen Artikel gepostet, würde er einen neuen Riesenthread produzieren, in dem es von Beleidigungen nur so wimmeln würde. Er würde auch viele 'böse' eMails bekommen, von Menschen, die sich nicht einmal trauen, unter ihrem wirklichen Namen zu schreiben.
Obige Faktoren wirken sich natürlich auf die Lesbarkeit einer Gruppe / eines Echos an sich aus. Aber auch die Mails selber können lesbar oder unlesbar gestaltet sein. Im Usenet gibt es da eine schöne Palette von Dingen, die man zugunsten der anderen lieber unterlassen sollte:
Wie in den obigen Beispielen schön zu sehen, beträgt der Quote-Anteil der meisten Nachrichten weit über 50%, d.h. es wird immer mehr Text gequotet als selbst geschrieben. Obwohl Mailreader meistens die Quotes farblich hervorheben, reduziert das - das regelrechte Suchen nach 'neuem' Text - die Lesbarkeit erheblich.
Soll man in einem Dialekt antworten, damit die anderen einen verstehen? Und wen juckt es, wenn man einfach ein paar Schimpfworte durch die Gegend wirbelt? Tausend Rechtschreibfehler produziert, keine Absätze beachtet?
Ich selbst lese Nachrichten, die so 'dahingesudelt' werden, sehr ungern. Es strengt an, so etwas zu lesen, es macht einfach keinen Spass - und der macht für mich die Hauptsache aus beim Lesen von Mails.
Ob die Katze jetzt acht oder neun Schwänze hat, oder ob es irgendwo eine "Amateur-Science-Fiction-Collection" gibt, interessiert nicht die Bohne. Warum schreiben die Leute also so einen Mist?
Die Ursache lässt sich wohl psychologisch begründen. Jeder möchte sich selbst darstellen, seine 'Werke' der Welt anbieten, um sein Selbstbewusstsein aufzubessern. Oder man schreibt einfach einen Spruch oder gar ein langes Gedicht unter all seine Mails, weil einem selbst das so gut gefällt.
Die Frage bleibt: Was hat der Leser der Gruppe davon? Wieviel Prozent davon werden sich für das interessieren, was da drin steht? Ein netter Spruch kann ja ganz lustig sein. Aber wenn man ihn dann in ALLEN Mails dieser Person liest, wird so etwas schnell nervig.
Oft ist es bei Footern so, dass sie die Mail unnötig aufblähen, dass die Footer selbst mehr Text enthalten als die Nachricht selbst.
Da solche Footereien (Abkürzung für Footer-Schweinereien) auch die Leser des Usenets selbst stört, ist man auf eine wahnsinnige Idee gekommen: Wir trennen den Footer einfach ab! Mit zwei Strichen!
So kam der Quasi-Standard auf, dass man seine Footer mit der Zeichenkette "-- " (zwei Bindestriche, gefolgt von einem Leerzeichen) abtrennen kann. In vielen Programmen existiert dann die Option "Footer abschneiden", die diese Zeilen sucht und alles löscht, was dahinter steht (oder einfach nicht anzeigt).
Wie schön, wir haben das Problem gelöst!
Oder doch nicht? Eigentlich nicht. Denn die Leute schreiben trotzdem noch riesige Footer unter ihre Mails. Vielleicht in stiller Hoffnung, dass 'einige' dieses Footer-Cutting nicht betreiben. Die Mail bleibt trotzdem gross, wenn man sie abholt, man muss sie immer noch in ihrer gesamten Grösse übertragen.
Um das mit der Lesbarkeit einer Nachricht noch einmal zu beschreiben, vergleichen wir eine Mail einfach mal mit einem Brief.
Ein Brief enthält Adresse von Empfänger und Absender, ein Datum, evtl. einen Bezug zu einem vorherigen Brief, ein strukturierter Text in gutem Deutsch, der einfach zu lesen ist und eine kurze Verabschiedung, z.B. eine Unterschrift.
In Nachrichtennetzen kommt noch der Quote hinzu. Hier würde man ihn kurz und prägnant halten, so dass nur das Allerwichtigste stehen bleibt und man den Bezug der Sätze verstehen kann.
Um auf die Footer zurückzukommen: Es stört niemanden, wenn unter einer Mail ein "Bye, Jens" oder "Viel Spass noch! -- Michael" steht. Ein bis zwei Zeilen mit wenig Buchstaben. Ein kleiner, feiner Abschluss eines Schritfstückes. Quasi seine persönliche Unterschrift einer Nachricht.
Ich denke, so etwas gehört einfach zu einer "vollwertigen" Mail dazu. Ein kleiner Beginn ("Hallo xxx!"), ein strukturierter, lesbarer Text und ein kurzer Abschluss ("Tschüss..."). Einfach eine perfekte Mail. Zumindest in meinen Augen.
Wer unbedingt den Drang verspürt, die URL seiner Homepage verbreiten zu müssen, hat im FidoNet die Möglichkeit, dies im Origin zu tun. Das stört niemanden, gehört auch zur Mail, und in dieser Zeile darf alles mögliche stehen.
Hier eine schöne kurze Mail aus dem FidoNet:
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Empfaenger : /FIDO/47.GER (Alle)
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Wie man sieht, hat Tobias seine eMail-Adresse im Origin untergebracht. Er leitet die Mail mit einem kurzen "Hallo Ihrs!" ein, schreibt seinen Text und beendet das ganze mit "Ciao, TG".
Kurz und schmerzlos. Enthält alles, was nötig ist, um ein gutes "Gesamtbild" zu ergeben.
Wen interessieren lange blöde Sprüche? Wen interessiert solches mehrzeilige Zeug (im Grunde Werbung) unter den Mails von anderen?
Spricht man allerdings solche Menschen auf ihre 'Fehler' in dieser Hinsicht an, reagieren sie gereizt, genervt, 'böse' und uneinsichtig. Sie sind voll davon überzeugt, mit ihrer Footer-Vernarrtheit das richtige zu tun.
Wenn ich Mails schreibe, denke ich mir immer: "Wie wird ein Leser auf diese Mail reagieren?". Da ich mit meiner Mail natürlich die anderen Leser ansprechen will, versuche ich, diese so lesbar wie möglich zu gestalten. Im Interesse von allen.
Anscheinend hat sich das noch nicht überall herumgesprochen :-)
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